ZAL-Referat von Vera Kaltwasser:

„Achtsamkeit muss Bildungsthema sein“, so Vera Kaltwasser gleich zu Beginn ihres Referats über Achtsamkeit in der Schule. Ihre Forderung ist deutlich: Achtsamkeit soll nicht nur in den Schulen Platz bekommen, sondern auch integraler Bestandteil in der LehrerInnenbildung sein. Sie setzt sich seit Jahren dafür ein, dass diesem Thema mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Achtsamkeit in der Schule dient dem Ziel, die Selbstregulation und Beziehungsfähigkeit der Schüler und Schülerinnen zu schulen. Körperorientierte Übungen, gelenkte Vorstellungsreisen (Visualisierungstechniken), Kommunikationsübungen  und die Vermittlung von wissenschaftlich fundiertem Wissen sind feste Bestanteile  des Unterrichts. Eine Studie der Hochschule Coburg von Prof. Dr. Niko Kohls konnte eine positive Wirkung von Vera Kaltwassers Projekts AISCHU (Achtsamkeit in der Schule) nachweisen. Er sieht in der Achtsamkeit eine wichtige Methode für die Schüler, um mit der immer komplexer werdenden Welt umzugehen.

Hierzulande ist der Einbezug von Körper und Geist im Unterricht zu wenig präsent. Oder wie Schiller in seinen Briefen zur Aesthetischen Erziehung ausdrückte: „Unsere Bildung ist unausgewogen. Sie ist bloss theoretisch, blosse Kopf- und Verstandesaufklärung. Wir wissen zwar mehr, aber dieses Wissen macht uns nicht zu besseren Menschen.“ Er plädierte dafür, die „Herzenbildung“ mehr zu gewichten.

Gerade in der heutigen Zeit, so Vera Kaltwasser, seien Kinder und Jugendliche übermässig nach aussen orientiert. Bei vielen mangle es an Selbststeuerungsfähigkeiten und einem gesunden Umgang mit den eigenen Gefühlen und Stimmungen, findet Kaltwasser. Die Selbstdarstellung in den sozialen Medien, Körperkult und Selbstoptimierungswahn tragen das ihre dazu bei.

Achtsamkeit schult die eigene Fähigkeit, etwas bewusst wahrzunehmen und zu reflektieren. Die Emotionen lassen sich regulieren, die Aufmerksamkeit steigern. Stress wird reduziert, weil man sich und seine Grenzen besser kennt und frühzeitig handeln kann, wenn Ueberforderung oder negative Gefühle drohen, Ueberhand zu nehmen. Es geht darum, im gegenwärtigen Moment zu sein ohne das, was gerade passiert, zu bewerten oder zu verurteilen. Aus diesem Gleichmut heraus sind wir eher in der Lage, reflektiert zu handeln, statt überstürzt zu reagieren. Diese Wechselwirkung  gedanklicher Herangehensweisen an eine Situation nennt sich in der Fachsprache „bottom up“ und „top down“ Ansatz. Bei „top down“ ist man sich seiner Bewertungen und (falschen) Glaubenssätzen bewusst und hinterfragt sie kritisch. Beim „bottom up“ Ansatz lässt man sich von seinen Emotionen zu unbewussten Reaktionen hinreissen. Der Atem spielt eine zentrale Rolle in der Achtsamkeitspraxis. Achtet man sich bewusst auf die Atmung, kommt man viel eher in die Gegenwart und in die Ruhe zurück, denn die Atmung passiert immer im Jetzt.

Vera Kaltwasser bedauert den Umstand, dass wir in unseren Schulen so wenig in die Erkundung des menschlichen Bewusstseins investieren und ruft am Ende ihres Referats dazu auf: Bilden wir die Herzen.

Text: Alma Pfeifer