Rollenkonflikt: Lehrperson – Coach
Der Spagat zwischen Erklären, Instruieren und Begleiten
Immer mehr Schulen möchten ihre Lehrpersonen dazu bewegen, sich von der klassisch-frontalen Lehrperson weg und hin zu einer begleitenden Coach-Rolle zu entwickeln. Doch dieser Wandel ist kein einfacher Methodenwechsel – er kann für Lehrpersonen selbst zu einem tiefen Rollenkonflikt führen.
Auch für Kinder und Jugendliche ist die Situation herausfordernd, weil ihre Erwartungen an die beiden Rollen sehr unterschiedlich sind. Damit dieser Rollenwechsel gelingen kann, müssen die Erwartungen auf beiden Seiten geklärt werden.
Rolle Lehrperson: Die Instanz mit dem Mehrwissen
Zu den Aufgaben einer klassischen Lehrperson gehört es, neue Konzepte zu erklären, Aufgaben zu stellen, Antworten zu überprüfen und zu korrigieren. Schüler:innen setzen dabei ein klares Mehrwissen der Lehrperson voraus und erwarten genau das.
Die Lehrperson soll Rückmeldungen geben, Fehler aufzeigen und dadurch Verbesserungen ermöglichen. Zudem gehört es in unserem Bildungssystem zu ihren Aufgaben, Leistungen einzuordnen und zu benoten.
Diese Rolle gibt Orientierung, Sicherheit und klare Bewertungsmassstäbe – sowohl für Lehrende als auch für Lernende.
Rolle Coach: Die Prozessbegleitung ohne Wissensvorsprung
Betrachten wir die begleitende Rolle eines Coaches, zeigt sich ein grundlegend anderes Verständnis von Lernen. Bei coachenden Personen gehen wir davon aus, dass sie nicht mehr wissen als der oder die Coachee selbst. Statt Lösungen vorzugeben, unterstützen sie dabei, eigene Antworten zu finden und vorhandenes Wissen zu erschliessen.
Coaches sind Fachpersonen für den Prozess – nicht zwingend für die fachliche Thematik.
«Ich weiss gerade auch nicht, warum das nicht funktioniert – lass es uns gemeinsam herausfinden.»
Diese Haltung verändert die Beziehung und schafft eine Begegnung auf Augenhöhe.
Besonders gefragt ist dieser Ansatz in Schulformen mit Lernlandschaften und einem hohen Anteil an Selbstlernzeit. Die Schüler:innen werden darin unterstützt, herauszufinden, wie sie etwas entdecken, verstehen, lernen und schliesslich sogar selbst erklären können.
Wo der Konflikt entsteht
Der Rollenkonflikt zeigt sich häufig an drei zentralen Stellen:
1. Bewertung versus Begleitung
Wie bewerte ich einen Lernprozess fair, wenn ich als Coach eigentlich nicht bewerten, sondern Entwicklung begleiten möchte?
2. Erwartungen der Schüler:innen
Viele Kinder und Jugendliche verlangen aktiv nach der klassischen Lehrperson-Rolle:
«Sag mir einfach, ob das richtig ist.»
Die Coach-Haltung kann dabei als Unsicherheit oder mangelnde Fachkompetenz missverstanden werden.
3. Eigene Verunsicherung
Auch Lehrpersonen stellen sich Fragen wie:
- Darf ich nicht mehr erklären?
- Bin ich noch Lehrperson, wenn ich hauptsächlich Fragen stelle?
- Wann begleite ich und wann instruieren ich?
Wie der Spagat gelingen kann
Damit der Rollenwechsel nicht zur Überforderung führt, helfen konkrete Massnahmen.
Rollenklarheit schaffen
Kommunizieren Sie bewusst, welche Rolle Sie gerade einnehmen.
Beispielsweise:
«In dieser Phase bin ich euer Coach. Das heisst, ich gebe keine Lösungen vor, sondern begleite euren Weg.»
Oder:
«Jetzt bin ich wieder in der Rolle der Lehrperson und erkläre den nächsten Fachinhalt.»
Reflexionsfragen statt Antworten
Statt Lösungen direkt vorzugeben, helfen gezielte Fragen dabei, das Denken bei den Lernenden zu belassen.
Beispiel aus dem Mathematikunterricht:
Statt:
«Du musst den Hauptnenner 12 nehmen.»
Fragen Sie:
«Was müsste mit den Nennern passieren, damit du die Brüche addieren kannst?»
Fehlerkultur vorleben
Lehrpersonen dürfen auch zugeben, wenn sie etwas nicht wissen.
«Hier bin ich gerade überfragt. Lass es uns gemeinsam herausfinden.»
Diese Haltung entlastet beide Seiten und macht Lernen authentisch.
Bewertung und Coaching entkoppeln
Wo immer möglich, sollten Coaching-Prozesse nicht direkt benotet werden. Stattdessen können Ergebnisse oder klar definierte Leistungsphasen bewertet werden.
Dadurch reduziert sich der Druck und es entsteht mehr Raum für Entwicklung.
Fazit: Nicht entweder – oder, sondern beides gekonnt
Die Coach-Rolle ist kein Ersatz für die Lehrperson, sondern eine bewusste Erweiterung ihres Handlungsspektrums.
Der Rollenkonflikt lässt sich nicht vollständig auflösen, aber aktiv gestalten – durch klare Kommunikation, einen passgenauen Methodeneinsatz und eine Haltung, die beides zulässt: Erklären und Begleiten.
Am Ende profitieren beide Seiten: Die Lehrperson bleibt fachlich souverän und die Schüler:innen gewinnen an Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Vertrauen in ihre eigenen Lernprozesse.